maskierte Jäger

Iltis, 2005 © M. Thyssen (wikicommon)Was war das?! ein Huschen dort und meine Schritte hier –  wahrgenommen! Ducken, Erstarren, Gänsehaut in meinem Nacken. Augenkontakt als nächstes, maximal geschärfte Sinne. Was wird geschehen?Wir starren gebannt aufeinander. Keiner wagt den nächsten Schritt. Aber das wilde Tier mit der gebogenen Wirbelsäule und den eng beieinander stehenden Pfoten schnellt in die Höhe – und davon. Nur dank der hellen Unterwolle erkenne ich es noch im Dickicht eines Vorgartens, ehe es lautlos gänzlich verschwindet. Eine zauberhafte, sekundenlange Begegnung.

Es ist frühlingshaft geworden. Die Abende länger, die Uhrzeiten vorgerückter, wenn ich auf dem Heimweg bin. An drei Abenden nacheinander habe ich auf meinem Weg nach Hause den beschriebenen kleinen maskierten Räuber angetroffen. Beim ersten Anblick war ich noch unsicher ob es wirklich ein Iltis sei, weil das Tier so schnell davonwieselte und ich noch nie ein lebendigen Exemplar gesehen habe. Bei Begegnung 2 und 3 an den Folgetagen konnte ich aber die eigentümlich helle Maske im Gesicht und die weiss eingefassten Ohren gut erkennen, die so typisch und unverwechselbar für Mustela putorius sind, den “Stinker” unter den Wieselartigen.

Iltisse sind weit weniger bekannt als ihre Zuchtform, das Frettchen. Durch mehrere Kinofilme erlangte letzteres Bekanntheit, auch bei der weniger zoologisch interessierten, nicht-jagenden Bevölkerung. Schon die Römer hielten sich Frettchen zur Jagd, denn wie Hermelin und Mauswiesel schlüpfen diese gerne in die Baue ihrer Beute, in diesem Fall den Kaninchen. Auch heute gibt es beispielsweise in Deutschland Jäger, die statt mit einem Hund mit ihrem Frettchen auf Kaninchenjagd gehen.

Aber was macht ein Iltis dann mitten im Wohnquartier, wo es höchstens ein paar Meerschweinchen oder Zwergkarnikel zu erjagen gäbe? Entgegen der Zuchtform, die ja auch nicht das Kaninchen fressen soll (sondern nur in die Netze jagen, am anderen Ende des Baues aufgespannt), besteht der Speiseplan von Iltissen etwa fifty fifty aus kleinen Nagetieren,  wie Ratten oder Hausmäusen, die in Vor- und Schrebergärten mit Komposthaufen paradisische Verhältnisse vorfinden. Und aus Amphibien. Selbst im Winter schrecken sie nicht davor zurück, unter  Schnee oder gar an den Ufern zugefrorener Teiche überwinternde Kröten oder Grasfrösche auszubuddeln und mit einem gezielten Nacken- oder Kopfbiss zu töten. Eines solchen Nackenbisses bedient sich übrigens auch das Männchen bei der Paarung (aktuell! findet im März statt), um das Weibchen für den Fortpflanzungsakt ruhig zu stellen. Aber zurück zur Nahrung: Bei Überangebot – im Frühling – sind Iltisse sogar in der Lage, Frosch-Depots anzulegen, die ihnen über Nahrungsengpässe hinweg helfen.

Am eindrücklichsten war für mich an der Begegnung gestern Nacht, wie einer der beiden Iltisse vor mir am Boden mit seinen Vorderpfoten wahrscheinlich eine Duftmarke plazierte. Mit beiden Vorderbeinen wischte er sich vom Bauch über den Kopf auf dem Asphalt die Pfoten ab. Ein unangelainter, Gassi-geführter Hund inspizierte kurz später die Stelle. Was er wohl gerochen hat? Identität, Geschlecht, Fortpflanzungsstatus, “mein” Streifgebiet? Informationen, die sich unseren vergleichsweise bescheiden entwickelten Nasen komplett entziehen.

Nur der Geruch oder vielmehr Gestank ihres Genitaldrüsensekrets, welches nebst Urin am häufigsten zum Markieren eingesetzt wird, ist tatsächlich sehr intensiv. Ihm hat der Iltis seinen lateinischen Art-Namen putorius zu verdanken. Mustela beschreibt dagegen nichts anderes als das Aussehen aller Gattungsvertreter, zu denen nebst dem Iltis noch die einheimischen Arten Hermelin und Mauswiesel gehören: Das Wort leitet sich von mus (lat. Maus) und telum (lat. Speer) ab, was ein schlankes, langes, spitz zulaufendes Tierchen meint. Faszinierende, kleine Jäger!

 

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